LeSuBiA-Studie: Neue repräsentative Daten zu Gewalt in Deutschland
LeSuBiA-Studie: Neue repräsentative Daten zu Gewalt in Deutschland
Seit über zwanzig Jahren liegen wieder repräsentative Zahlen zu Partnerschaftsgewalt in Deutschland vor. Sie zeigen ein hohes Ausmaß, das zu großen Teilen im Dunkelfeld bleibt.
Diesen Monat wurde die LeSuBiA-Studie[1] veröffentlicht. Auf Basis von 15.479 Interviews zeichnet sie ein detailliertes Bild verschiedener Gewaltformen: von emotionaler und körperlicher Gewalt über sexuelle Belästigung und Stalking bis hin zu ökonomischer sowie reproduktiver Kontrolle und digitaler Gewalt.
Frauen sind stärker betroffen und erleben Gewalt als lebensbedrohlicher
Sowohl Frauen als auch Männer erleben Gewalt. Doch es gibt deutliche Unterschiede in Ausmaß und Schwere. Frauen sind häufiger und schwerer von Partnerschaftsgewalt betroffen. 43 % der Frauen berichten von emotionaler Gewalt innerhalb von (Ex-)Partnerschaften im Laufe ihres Lebens. 21,4 % der betroffenen Frauen fühlten sich bei körperlicher Gewalt in Lebensgefahr (Männer: 4,7 %). Mehr als die Hälfte der befragten Frauen erlitt körperliche Verletzungen. Bei sexualisierter Gewalt sind die Unterschiede ebenfalls gravierend: 18 % der Frauen, aber nur 4 % der Männer berichten von sexueller Belästigung im Laufe ihres Lebens. Gewalt gegenüber Frauen wird dabei überwiegend von Männern ausgeübt.
Die Ergebnisse zeigen außerdem: Gewalt beginnt oft nicht mit einem einzelnen Übergriff. Sie äußert sich auch durch Kontrolle, Einschüchterung oder ökonomische Abhängigkeit und kann sich durch verschiedene Lebensbereiche ziehen.
Ein massives Dunkelfeld
Betroffene erstatten selten Anzeige und suchen sich keine oder erst sehr spät Unterstützung im formellen Hilfesystem[2]. Bei emotionaler Gewalt werden lediglich 1,2 bis 1,3 % der Fälle polizeilich bekannt, bei kontrollierender Gewalt sogar 1,1 %, bei körperlicher Gewalt weniger als 4 %. Die Polizeiliche Kriminalstatistik[3] bildet nur einen kleinen Bruchteil des tatsächlichen Geschehens ab. Viele Betroffene fürchten die Täter*innen oder ein belastendes Gerichtsverfahren. Auch Misstrauen gegenüber Behörden oder fehlende Beweise spielen eine Rolle[4]. Wichtig ist deshalb der bisher in vielen Studien vernachlässigte Blick auf informelle Unterstützung: Viele Betroffene wenden sich zuerst an Menschen in ihrem persönlichen Umfeld: an Freund*innen, Familienmitglieder oder andere Vertrauenspersonen. Entscheidend ist dabei, ob diese zuhören, ernst nehmen und sensibel reagieren. Das zeigt auch die GfZ-Broschüre[5] zur informellen Hilfesuche. Gewaltprävention muss daher stärker dort ansetzen, wo Menschen leben und arbeiten.
Besonders vulnerable Gruppen
Bestimmte Gruppen sind häufiger betroffen. Besonders 16- bis 24-Jährige erleben überdurchschnittlich oft Gewalt, vor allem körperliche und digitale. Queere Menschen sind häufiger betroffen als heterosexuelle. Auch Menschen mit Migrationshintergrund berichten häufiger von Gewalterfahrungen. In Städten treten sexuelle Belästigung, Stalking und digitale Gewalt häufiger auf.
Das Ausmaß an Partnerschaftsgewalt hängt auch mit strukturellen und materiellen Bedingungen zusammen. Der Einfluss von Wohnungsnot, hohen Mieten oder prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen auf Partnerschaftsgewalt ist bislang wenig untersucht. Maßnahmen gegen Gewalt müssen auch soziale Faktoren wie Wohnraum und finanzielle Abhängigkeit berücksichtigen.
Gewalt beginnt oft in der Kindheit
Ein zentraler Befund ist alarmierend: Jede zweite Person in Deutschland erlebt bereits in der Kindheit körperliche Gewalt. Mädchen sind überproportional von sexueller und psychischer Gewalt betroffen, Jungen hingegen von körperlicher Gewalt. Wer Gewalt zwischen den Erziehungsberechtigten miterlebt, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst betroffen zu sein. Gewalt wirkt über die Lebensspanne hinweg: von der Familie über Schule und Partnerschaften bis hin zum Arbeitsplatz. Prävention und Kinderschutz dürfen diese Zusammenhänge nicht länger isoliert betrachten, sondern müssen sie systematisch in den Mittelpunkt stellen.
Die LeSuBiA-Studie liefert dafür eine wichtige Datengrundlage. Sie unterstreicht den Bedarf an Prävention, betroffenenzentrierten Schutzkonzepten und einer nachhaltigen Stärkung des Hilfesystems. Gewalt ist kein individuelles Problem, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung.