Sarah Maier
Noelle Kiefer
Sarah Maier | Noelle Kiefer |

Der Anschlag auf den Berliner CSD hat uns erschüttert. Doch während der öffentliche Diskurs sich auf das religiös-extremistische Motiv des Täters konzentriert, zeigt der Blick in die Statistik ein anderes Bild: Die größte Gefahr für queere und trans* Menschen geht in Deutschland vom rechtsextremen Milieu aus. Wir ordnen die Zahlen ein, blicken auf die Geschichte queer- und transfeindlicher Gewalt in Deutschland und zeigen, warum echter Schutz queeren Lebens eine intersektionale Perspektive und echte Solidarität braucht statt Symbolpolitik, Instrumentalisierung und Kürzungen. 

Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) hat uns alle erschüttert und hinterlässt noch immer ein Gefühl von Trauer, Angst und Unverständnis. Queere Menschen in ganz Deutschland trauern. Sie haben sich gegenseitig gehalten und versuchen, das Unfassbare zu verarbeiten. Berlin stand in weiten Teilen für Freiheit und Akzeptanz, weshalb ein solcher Anschlag gerade dort besonders verunsichert. Im medialen und politischen Diskurs wird von einem „Angriff auf uns alle“, unsere Demokratie und unsere Art des Zusammenlebens gesprochen. [3] Doch das Ziel der Attacke galt nicht der Love-Parade, keinem Karnevalsumzug, sondern einer queeren Demonstration, welche jedes Jahr queerem Leben maximale Sichtbarkeit verleiht. Der Anschlag galt queerem Leben und sollte queere Menschen treffen und verletzen. Daher fordern wir: Queeres Leben in all seinen Facetten muss geschützt werden! Die Streichung von Fördermitteln für Projekte, die queeres Leben schützen und fördern, steht dem diametral gegenüber und findet auch medial wenig Aufmerksamkeit.

Stonewall was a Riot!

Der Christopher Street Day geht aus einer Widerstandsbewegung der LGBTQIA*+ - Community in New York City hervor. Queere Personen erfuhren bis in die 60er Jahre und auch danach schwere Repressionen und schlimme körperliche Gewalt durch Staat und Polizei. Am 28. Juni 1969 wurde wiederholt eine der berüchtigten Razzien der New Yorker Polizei im „Stonewall Inn“ – einer bekannten queeren Bar in der Christopher Street in New York City - durchgeführt. An diesem Tag widersetzten sich die Menschen in der Bar und die Erhebung breitete sich in den kommenden Tagen in der gesamten Christopher Street aus. Die Wut über die Diskriminierung und Gewalt der letzten Jahrzehnte entlud sich mit voller Kraft. [1] Angeführt wurden die Aufstände unter anderem von Schwarzen, Latinx und/oder trans* Personen und Sexarbeiter*innen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera. Ein Jahr später fand erstmals der „Christopher Street Liberation Day“ in Erinnerung an diejenigen statt, die für die Rechte queerer und trans* Menschen gekämpft haben. Was besonders oft vergessen wird: Dieser Kampf für Gleichberechtigung war vor allem auch durch trans* und Schwarze Personen sowie Queers of Color und Sexarbeiter*innen geprägt. Die Stonewall Riots waren gerichtet gegen Polizeigewalt und Diskriminierung. Die Intersektionalität der Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen führt bis heute dazu, dass queere Schwarze Personen, PoCs und migrantisierte Queers überproportional stark davon betroffen sind. Der CSD ist also nicht nur eine Parade der Sichtbarkeit, er ist ein klarer Protest und steht für den Kampf um die Anerkennung ebenjener Menschen, die sich nicht in ein cis-hetero-weißes Normverständnis zwängen lassen. Weltweit finden mittlerweile CSD-Paraden statt. Die politische Bedeutsamkeit von CSDs dauert bis heute an. [2] 

Aufgrund des religiös-extremistisch islamistisch begründeten Motivs des Täters konzentriert sich der politische und mediale Diskurs um den Anschlag jedoch in großen Teilen darauf, Muslim*innen oder migrantisch gelesene Personen mit Islamist*innen in einen Topf zu werfen und unter Generalverdacht zu stellen. Rassistische Stereotype werden reproduziert. Um die vielen Betroffenen des Anschlags sowie das Todesopfer – eine Mutter, die mit ihrer queeren Tochter den CSD besuchte- geht es wenig. Die Aufklärung verläuft schleppend. Große Teile der Zivilgesellschaft und der queeren Community, die eine rassistisch aufgeladene Debatte dahingehend bereits befürchteten, waren noch im Angesicht der Tat sofort auch damit beschäftigt, sich während des Trauerns auch klar solidarisch zu positionieren und jegliche Form menschenfeindlicher Ideologien - so auch Rassismus - zu verurteilen.

Queer- und Transfeindlichkeit ≠ Homophobie

Queer- und Transfeindlichkeit richten sich gegen queere und trans* Menschen. Sie bewegen sich in einem Kontinuum und können von Intoleranz und Diskriminierung bis hin zu Hasskriminalität reichen. Die Begriffe eignen sich besser, die dahinterstehende Gesinnung auszudrücken, als Homophobie. Dieser vermittelt, dass eine Angst und keine Einstellung dahinter stünde und legitimiert die Gewalt so implizit. Queer- und Transfeindlichkeit legen den Fokus auf den ideologischen Charakter der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

Queer und transfeindliche Gewalt steigt seit Jahren an. Und das kontinuierlich und in drastischem Ausmaß. Der Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ* des Bundeskriminalamts (BKA) von 2025 verzeichnet einen deutlichen Anstieg seit 2010. So wurden 2010 186 Fälle gemeldet, 2023 waren es 1.785 Fälle [4]. Bis 2020 wurden in der Kategorie „sexuelle Orientierung“ auch Straftaten erfasst, deren Tatmotive sich gegen das Geschlecht, geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung richteten. Das bedeutet, dass auch Straftaten, welche als „frauenfeindlich“ oder „männerfeindlich“ gelten oder sich gegen die „geschlechtliche Identität“ der Betroffenen richten, in einer gemeinsamen Kategorie erfasst und nicht differenziert wurden. Die Änderung der Erfassung seit 2020 in einzelne Kategorien ermöglicht eine deutlichere Trennung und Erfassung der jeweiligen Tatmotive. Dementsprechend können die Daten von 2010 bis 2021 keine eindeutige Aussage über den Anstieg queerfeindlicher Gewalt in diesem Zeitraum treffen. Es ist jedoch auch seit 2022 ein Anstieg bei queerfeindlich motivierten Übergriffen zu verzeichnen.

Der Lagebericht kommt grundlegend zu dem Ergebnis, dass sich die Anzahl der Straftaten gegen queere Menschen seit mindestens 2021 erhöht hat. Auch wenn der Statistik keine genauen Zahlen im Zeitraum von 2010 bis 2020 zu entnehmen sind, besteht die Vermutung, dass auch in diesem Zeitraum eine Zunahme queerfeindlicher Straftaten zu verzeichnen war. Es existiert ein großes Dunkelfeld, was bedeutet, dass davon auszugehen ist, dass queere Personen Straftaten gegen sich tendenziell weniger oft zur Anzeige bringen. [5]

Von welchen Gruppen diese Straftaten ausgingen, wird durch den Lagebericht ebenfalls deutlich. Anders als die Diskussion um den CSD vermuten lässt, liegt der Anteil der Straftaten mit religiös-extremistischer Motivation im Jahr 2023 bei 3,71 %. Was hochgefährlich ist: Im selben Jahr gingen 35,36 % der queerfeindlich motivierten Straftaten vom rechtsextremen Milieu aus. Das ist fast das Zehnfache Die größte Gefahr für queere Menschen in Deutschland sind: deutsche (76,81 %), rechte (35,36 %), Männer (87,55 %), über 30 (58,56 %). [6]

In einem Sicherheitsreport zeigt die Amadeu Antonio Stiftung, wie groß und organisiert die Gefahr aus dem rechtsextremen Milieu für queere Menschen und Großveranstaltungen wie den CSD ist. Seit April 2025 wurden über 50 CSDs durch organisierte rechtsextreme Strukturen gestört oder angegriffen. [7] Das bedeutet, dass bei über 50 CSDs queere Menschen fürchten mussten, möglicherweise nicht mehr nach Hause zu kommen und dass ihre Freund*innen verletzt werden.

Queer- und Transfeindlichkeit hat in Deutschland Geschichte. Im Kaiserreich sowie im Nationalsozialismus galt Homosexualität als "sittenwidrig". Im Nationalsozialismus wurden viele queere Personen systematisch verfolgt und in Konzentrationslagern ermordet. [8] Der Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde erst 1994 abgeschafft. [9] Diese Gewalt hat Kontinuität, die sich bis heute in struktureller Diskriminierung und menschenfeindlicher Ideologie niederschlägt. Dies kann konkrete rechtliche Auswirkungen haben, wie beispielsweise die im EU-Vergleich verzögerte Einführung der „Ehe für Alle“ [10] oder die überfällige Anpassung des Selbstbestimmungsgesetzes [11] 2024, welches das diskriminierende "Transsexuellengesetz" (TSG) aus dem Jahr 1980 ablösen sollte. [12] Diese rechtlichen Errungenschaften sehen sich konstanten Angriffen ausgesetzt und werden stetig neu debattiert. Des Weiteren schlägt die Gewalt sich nieder in queer- und transfeindlicher Rhetorik, dem Infragestellen rechtlicher Errungenschaften, oder letztendlich körperlicher Gewalt, die tödlich enden kann.

Queer- und Transfeindlichkeit können also nicht als Randphänomen bezeichnet werden und auch nicht als importiert. Sie sind strukturell verankert und erfüllen in einem patriarchalen System eine Funktion: Queere und trans* Menschen sollen auf ihre Plätze verwiesen werden. Kontinuitäten faschistischer und menschenfeindlicher Ideologien wirken bis heute und sind anschlussfähig in europäischen Gesellschaften. Dies zeigt sich in der Popularität rechtskonservativer bis rechtsextremer Einstellungen. Zu erkennen ist das unter anderem am weltweiten Wahlerfolg von Parteien, die sich menschenfeindlicher Rhetorik bedienen, queere Lebensentwürfe grundsätzlich angreifen oder queere und Transrechte infragestellen. Außerdem führt eine vermehrte gesellschaftliche Hinwendung zu traditionalistischen Rollenbildern, binäre Vorstellungen von Gender und sexueller Orientierung sowie priviligierte cis-heteronormative Lebensentwürfe, die als die einzig erstrebenswerten markiert werden, dazu, dass die bloße Existenz queerer und trans* Menschen diskursiv als Bedrohung und "falsch" markiert wird. Wer als queer und trans* identifiziert wird, soll bestraft werden und wir so zur Zielscheibe von Hasskriminalität und Anfeindungen - und das im öffentlichen wie digitalen Raum.

Das Narrativ der importierten Queer- und Transfeindlichkeit ist nicht neu, es ist über Jahrzehnte gewachsen. Es fungiert als Werkzeug, um die existierende Queer- und Transfeindlichkeit innerhalb der deutschen Gesellschaft mit rassistischen Diskursen der Andersartigkeit zu verbinden. So wird das Bild der „Anderen“ als queer- und transfeindlich erzeugt und der Schutz von queerem Leben mit dem Schutz vor sogenannten „Migrant*innen“ gleichgesetzt. Nicht nur werden so migrantisierte und von Rassismus betroffene Personen gefährdet, sondern queere und trans* Personen mit Migrationsbezug werden mehrfachdiskriminiert. Es wird nicht nur der Eindruck vermittelt, queere und trans* Menschen mit Migrationsbezug gäbe es nicht und so ihre Existenz unsichtbar gemacht, sondern sie erfahren auch zusätzliche rassistische Diskriminierung.

Mit Sorge beobachten wir, dass auch im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Berliner CSD rassistische Narrative geschürt werden. Das Hauptaugenmerk für den Schutz queerer Menschen wird mit dem Schutz vor den „queerfeindlichen Anderen“ in Verbindung gebracht, statt die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Gefährdung queeren Lebens zu thematisieren. [13]

Wer queere und trans* Menschen wirklich schützen möchte, muss dorthin schauen, wo die Gefahr lauert. Dafür ist es wichtig, eine intersektionale Perspektive zu entwickeln und die Systeme zu hinterfragen, welche Queer- und Transfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus und jede Form der Diskriminierung ermöglichen. Queere und trans* Menschen müssen sich sicher fühlen können und queeres Leben muss geschützt werden. Wir wünschen uns, dass die Solidarität mit der queeren Community das ganze Jahr gilt und nicht nur in medienwirksamen Momenten. Queere Rechte und Transrechte sind Menschenrechte. Diese sollten niemals erkämpft, gefürchtet oder verhandelt werden müssen!


[1] Schwitzer (2010): Geschichte des Christopher-Street-Day Vom Stonewall-Aufstand zur Wasserpistolen-Schlacht, Bundeszentrale für politische Bildung, v. 29.06.2010, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[2] stonewall.org.uk: Who we are - Stonewall is part of a vibrant, growing and global movement advocating for LGBTQ+ rights, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[3] rbb24 (2026): "Angriff auf unsere offene Gesellschaft" - Bestürzung über Bluttat beim Berliner CSD, v. 26.07.2026, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[4] BMI/BKA (2025), Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ* - Berichtsjahr 2024, v. 16.05.2025, verfügbar hier, S. 8, S. 16/17. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[5] ebd.

[6] ebd.

[7] Lochau, Pohl (2025): Queerfeindlichkeit sichtbar machen. Sicherheitsreport zu rechtsextremen Angriffen auf CSDs, Amadeu Antonio Stiftung, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[8] Bornhorst (2020): Homosexuellenverfolgung, Deutsches Historisches Museum Berlin/Lebendiges Museum Online, v. 22.05.2020, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[9] BPB (2014): 1994: Homosexualität nicht mehr strafbar, Bundeszentrale für politische Bildung "kurz & knapp", v. 07.03.2014, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[10] LSVD: Die gleichgeschlechtliche Ehe in Europa und weltweit, LSVD - Verband Queere Vielfalt e. V., verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[11] Die Anpassung des Selbstbestimmungsgesetzes ermöglicht es trans* Personen, ihren Namen und ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister zu ändern, ohne zuvor diskriminierende und kostenintensive psychiatrische Gutachten vorweisen zu müssen. Zudem wird eine weitere Diskriminierung durch Gutachter*innen und Richter*innen vermieden.

[12] DIMR, Allenberg (2024): "Das Selbstbestimmungsgesetz war überfällig", Interview mit Nele Allenberg vom Deutschen Institut für Menschenrechte, 05/2024, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].

[13] Özdemir (2018): (K)ein Recht auf Anderssein - Rassismus, Rechtspopulismus und LSBTIQ*, v. 16.04.2018, Heinrich Böll Stiftung, verfügbar hier. [zuletzt geprüft: 26.08.2026].