Leonie Traub, Forschung
Sarah Maier
Leonie Traub | Sarah Maier |

Wir haben Beiträge in Onlineforen untersucht, in denen Personen über Beziehungskonflikte schreiben. Da Beiträge anonym verfasst werden, konnten wir die Nutzer*innen nicht um ihr Einverständnis zu einer Auswertung bitten. Um zu diskutieren, inwieweit anonym verfasste Beiträge für Forschungszwecke genutzt werden können, wie betroffene Personen am besten profitieren, und welche Vorkehrungen getroffen werden sollten, haben wir mit dem Betroffenenrat von Signal e.V. zusammengearbeitet. Zwei Personen haben sich dazu bereit erklärt, uns ein Interview zu ihrer Arbeit zu geben. 

Personen, die von Gewalt in der Paarbeziehung betroffen sind, suchen sich häufig keine oder erst sehr spät Unterstützung bei psychosozialen Anlaufstellen, im Gesundheitssystem oder bei der Polizei. Viele wenden sich erstmal an nahe Bezugspersonen oder an Orte in ihrem täglichen Umfeld. In unserer Forschungsabteilung untersuchen wir, wie diese Unterstützungswege ablaufen. So wollen wir betroffene Personen möglichst frühzeitig und niedrigschwellig erreichen. 

In den letzten Monaten haben wir Beiträge in Onlineforen untersucht, in denen Personen über Beziehungskonflikte schreiben. Dabei stellen sich viele Herausforderungen. Zum Beispiel konnten wir, aufgrund der Anonymisierung der Beiträge, die Nutzer*innen nicht über die Auswertung informieren und ihr Einverständnis einholen.

Der Betroffenenrat von Signal e.V. stand uns hier beratend zur Seite. Gemeinsam diskutierten wir die ethischen Komponenten der Vorgehensweise. Uns war besonders wichtig, den Blick dafür zu schärfen, wie betroffene Personen von Forschungsprojekten möglichst gut profitieren können, und welche Vorkehrungen dabei getroffen werden sollten, um Nutzer*innen möglichst gut zu schützen. 

Wir durften sehr viel von den Mitgliedern des Betroffenenrats lernen und freuen uns, dass zwei von ihnen* uns ein Interview zu einem betroffenenzentrierten Zusammenwirken zwischen Forschung und Betroffenenrat gegeben haben. 

Vielen Dank für diese spannende Zusammenarbeit!

Wie und wann wurde der Betroffenenrat gegründet und wie setzt er sich zusammen?

Gaby Prossmann: "Der Betroffenenrat wurde im April 2018 eingerichtet, um die Perspektive von Frauen mit komplexen Traumafolgen durch häusliche und/oder sexualisierte Gewalt aktiv in die Arbeit des Netzwerks einzubringen. Der Rat besteht aus betroffenen Frauen, die ehrenamtlich eng mit der Fachstelle Traumanetz Berlin zusammenarbeiten und durch die Fachstelle auch unterstützt werden."

Wie sieht eure Arbeit im Betroffenenrat aus?

Gaby Prossmann: "Ziel des Rates ist es, die Interessen gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder in der gesundheitlichen Versorgung zu vertreten. Wir setzen fachpolitische Impulse und beraten die Fachstelle Traumanetz. Wir haben verschiedene Positionspapiere auf gesundheitspolitischer Ebene und ein Fortbildungsmodul entwickelt, das darauf abzielt, Fachkräfte im Gesundheitswesen für die Belange und Bedürfnisse von gewaltbetroffenen Frauen zu sensibilisieren. In Zusammenarbeit mit drei Berliner Kliniken arbeiten wir daran, klinische Behandlungsangebote traumasensibler und frauenspezifisch zu gestalten. An diesem Berliner Modellvorhaben arbeiten außerdem Psychotherapeut*innen und Vertreter*innen von Einrichtungen des Gewaltschutzbereiches, der Kinder- und Jugendhilfeträger, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und von Jugendämtern mit."

Was ist euch, aus eurer Perspektive, wichtig in der Zusammenarbeit mit externen Projekten?

Anonymes Mitglied: "Die Verbindung zwischen Betroffenenexpertise und Fachexpertise liegt uns besonders am Herzen, da die Praxis oft ein anderes Bild zeigt als die Theorie abbilden kann. Wir wünschen uns für die Versorgung sowie für die Präventionsarbeit eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die von den Betroffenen, die Expertinnen in eigener Sache sind, nachhaltig profitiert."

Wo seht ihr Hürden und Chancen bei der Zusammenarbeit mit Forschungsprojekten?

Anonymes Mitglied: "Dies ist eine Frage der jeweiligen persönlichen Lebenserfahrung und Verbindung zum Thema selbst. Ist der Mensch bereit sich für die Lebensrealität eines Gewaltopfers zu öffnen, die Bedarfe in der Vielschichtigkeit breiter zu denken und eher fachlich- sachliche Abläufe auf die traumasensible Ebene des Menschen anzupassen, um sie erreichen zu können."

Gaby Prossmann: "Hürden sehe ich vor allem dann, wenn Forschungsprojekte noch im “alten Machtgefälle” erstellt werden, wenn also Betroffene nicht in die Forschung einbezogen werden. Chancen sehe ich in der Arbeit auf Augenhöhe, in dem Bewusstsein, dass Betroffene “wissen, wo der Schuh drückt”. Sie können helfen Forschungsfragen zu identifizieren, die wirklich relevant für den Alltag sind, anstatt an den Bedürfnissen “vorbeizuforschen." 

Wo fehlt eure Perspektive bis heute?

Anonymes Mitglied: "In Lehr- und Studienplänen sämtlicher Akteure, die mit der Versorgung, Intervention, Prävention, Strafverfolgung, Hilfe und Opferschutz zu tun haben. Viele Betroffene benötigen viel mehr Wissen über Gewalt, die Folgen, die Täter-Opfer-Dynamiken und können sich nur mit dem nötigen Verständnis für die eigenen Überlebensstrategien die Kontrolle zurückerobern. Auch sind wir es unseren Kindern schuldig, sie auf eine realistische Welt vorzubereiten, in der Gewalt leider zu unserem Alltag in all ihren Formen dazugehört. Sie benötigen das nötige kindgerechte Rüstzeug für ihre Rechte, um Gewalt und gewaltbereite Personen zu erkennen. Ebenso benötigen sie Stärkung in ihrer Autonomie, so dass Vertrauenspersonen weniger Raum haben ihre Abhängigkeit auszunutzen."

Gaby Prossmann: "Ja, in der Ausbildung zukünftiger Fachkräfte kommt weder traumasensibles Arbeiten noch die Betroffenenperspektive kaum bis gar nicht vor. Das muss sich dringend ändern."

Was können Projekte machen, um eure Perspektive sichtbarer zu machen?

Anonymes Mitglied: "Das Bewusstsein entwickeln, dass Gewalt und ihre Opfer überall sind. Wir alle sind und können überall betroffen sein. Jeder von uns kennt vermutlich eine Person, welche vielleicht im Freundeskreis geoutet ist oder auch unerkannt mit uns arbeitet. Wir sehen alle die Auswirkungen. Sie können sich durch körperliche Erkrankungen, Schwierigkeiten im Sozialleben und andere Symptome zeigen. Hier ist es wichtig hinzusehen und zu erkennen, dass viele Symptome, Auffälligkeiten und Erkrankungen eine Folge von Gewalt sein können.  Wir alle müssen achtsam und respektvoll miteinander umgehen, um Räume für die Betroffenen zu eröffnen, die oft viele Jahre aus Angst und Unsicherheit schweigen. Hierbei ist vielleicht auch der Blick auf Generationstraumatisierung und auf die Tatsache zu richten, dass Opferschutz auch Prävention vor erneuter Gewalt ist."

Gaby Prossmann: "Direkter Input von Betroffenen hilft, Studienpartizipation zu erleichtern und Barrieren abzubauen. Durch die Berücksichtigung von Alltagserfahrungen werden Forschungsergebnisse relevanter und wirkungsvoller. Die Selbstbestimmung und Sichtbarkeit von Betroffenen wird durch gemeinsame Forschungsprojekte gefördert, indem die Stimme der Betroffenen als gleichwertige Wissensquelle anerkannt wird."

Wisst ihr von weiteren Gremien? Gibt es eine Vernetzung zwischen euch?

Gewaltfrei: Als Betroffenenrat für Gewalt in Paarbeziehung seid ihr bisher in Deutschland eine der wenigen Ausnahmen. Wir wissen von euch, dem Betroffenenrat in Bremen und dem Begleitgremium zur Umsetzung der IK. 

Gaby Prossmann: "Der Betroffenenrat des Traumanetz Berlin ist im Gesundheitsbereich bundesweit ein einmaliges Gremium, dass Betroffene als Expertinnen aus Erfahrung anerkennt. Der Betroffenenbeirat Bremen wird von der Politik gestützt und wurde explizit  gegründet, um die Istanbul Konvention umzusetzen. Außerdem gibt es einen Betroffenenbeirat in Köln, getragen vom Erzbistum Köln, der eine ehrenamtliche Vertretung von Menschen ist, die sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche erlebt haben. Bei der Bildung zum Begleitgremium in Berlin haben sich einige Mitglieder unseres Betroffenenrates beworben, wurden aber nicht angenommen. In Hessen gibt es einen Landesbetroffenenrat, der sich für die Belange von Kindern und Jugendlichen einsetzt. Mittlerweile gibt es eine Kampagne von Romy Stangl, bundesweit die Stimmen der Betroffenen zu stärken und Betroffenräte zu bilden. Eine Vernetzung war vor einigen Jahren angedacht, gestaltete sich aber sehr schwierig, weil die verschiedenen Schwerpunkte sich nicht wirklich unter einen Hut bringen ließen."

Was seid ihr müde zu sagen?

Anonymes Mitglied: "Warum lernt ihr nicht aus den Erfahrungen der Betroffenen und redet über sie, statt mit ihnen?"

Gaby Prossmann: "Schließt uns in eure Forschungsprojekte ein, damit es realistische Ergebnisse gibt!"


*Nach Absprache wurde eine Person (Anonymes Mitglied) anonymisiert und nur Gaby Prossmann namentlich erwähnt.